Autor*innenschaft: Simon Riss, Leonie Kornacker und Lea-Charlotte Bakker-Müller
Im Rahmen des Masterseminars M4 Geographien des gesellschaftlichen und biographischen Wandels wurde die Stadt Zeitz in Sachsen-Anhalt daraufhin untersucht, wie sich die Wahrnehmung des Stadtbildes durch die Bewohner*innen im Rahmen struktureller Veränderungen seit der Wiedervereinigung gewandelt hat, wie diese auf sie wirken, wie sie mit diesen umgehen und inwieweit diese strukturellen Veränderungen die (Re-)Konstruktion der eigenen Biographie der Bewohner*innen beeinflussen. Um dies herauszufinden, haben wir „walking interviews“ mit den Bewohner*innen der Stadt geführt und dabei Orte identifiziert, die von den Bewohner*innen als wichtig wahrgenommen werden und daher eine besondere Rolle im Stadtbild und bei der Identitätskonstruktion einnehmen. Die Auswirkungen können sowohl positiv als auch negativ sein. Die Orte lassen sich in vier Schwerpunktthemen unterteilen: Ehemalige, nicht mehr existente Orte, Leerstand, Kulturstandorte und Orte, an denen Sanierung stattfand. Im Folgenden werden einzelne Orte vorgestellt, die den vier Kategorien zugeordnet wurden und deren Relevanz für das Erfahren des Raums durch die Bewohner*innen heraussticht.
Das Pionierhaus (ehemalige Orte, Foto 1) war ein ehemaliges Kinderfreizeitzentrum, welches bis 1991 genutzt und 2023 abgerissen wurde (Andräs 2023). Pionierhäuser dienten der sozialistischen Persönlichkeitsentwicklung und es wurden kostenlose Kurse verschiedener Art angeboten. Sie nahmen über Generationen hinweg einen wichtigen Anteil in der Freizeitgestaltung von Jugendlichen ein (BPB 2025). Darüber hinaus fanden im Pionierhaus Jugendweihen statt (Interview 4). Die Nutzung für Kinder und Jugendliche wurde durch den Wegfall nicht durch ein neues Jugendzentrum o.ä. ersetzt.
Die Homberg-Uhr (ehemalige Orte, Fotos 2 & 3) war eine seit 1919 an der Wendischen Straße stehende Uhr (Wittwika 2019), die nach Auskunft von Anwohnenden bereits seit den 1920er Jahren als Treffpunkt für Jugendliche genutzt wurde. Mittlerweile wurde die Uhr entfernt, der Standort wird jedoch noch heute mit ihr in Verbindung gebracht.
Die Zitza (Leerstand, Foto 4) ist eine ehemalige Seifenfabrik, die im späten 19. Jahrhundert erbaut wurde (Seidel 2024) und sinnbildlich für die ehemalige industrielle Entwicklung in Zeitz steht. Der Betrieb wurde 1996 eingestellt, seitdem steht sie weitestgehend leer (Industrie.Kultur.Ost 2025). Seither wird sie unter anderem als Lost Place genutzt (Interview 2). Seit einigen Jahren wird sie durch den neuen Eigentümer zu bestimmten Anlässen für die Öffentlichkeit bei Veranstaltungen wieder zugänglich gemacht, zum Beispiel bei Veranstaltungen des Kunstvereins Zeitz (Kunstverein Zeitz 2025). Das Gebäude verkörpert den kreativen Umgang mit Leerstand und steht gleichzeitig für die Vergangenheit der Stadt.
Der Neumarkt (sanierte Orte, Fotos 5 & 6) ist ein ehemals als Markt genutzter Platz in der Zeitzer Innenstadt. Er besteht seit dem 13. Jahrhundert und verfiel während der Zeit der DDR wie andere Altbauten auch. Er wurde in den 2000er Jahren instandgesetzt (Mitteldeutsche Zeitung 2013) und es wurden Versuche unternommen, den Markt dort wieder zu etablieren. Diese waren jedoch nicht erfolgreich, weshalb der Markt wieder auf den Rossmarkt verlegt wurde (Andräs 2021). Es finden jedoch immer noch gelegentlich Veranstaltungen auf dem Markt statt, wie das Zuckerfest (Zeitzer Zuckerfest 2025) oder Aufführungen des Circus Upsala (Zeitz Online 2023).
Über einen Ort der Transformation in Zeitz - den Zwürfel - wurde zusätzlich ein wissenschaftliches Poster erstellt.