03. September 2025

Schwangerschaftsabbrüche in der DDR und nach der Wende Schwangerschaftsabbrüche in der DDR und nach der Wende

Biographische Perspektiven im Spannungsfeld von Intimität und Politik

Schlagwörter: Schwangerschaftsabbrüche, DDR, körperliche Selbstbestimmung, Biographieforschung

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Autor*innenschaft: Max Bensberg, Lena Menzel, Carolin Schneider, Jonathan Schucht

In unserer Forschung haben wir Interviews durchgeführt und eine Archivrecherche, um uns mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sich die Entkriminalisierung 1972 und die erneute Kriminalisierung 1993 von Abtreibung auf die Biographien von Frauen* in der DDR ausgewirkt hat. Die Ergebnisse sowie unseren Forschungsprozess haben wir in einem Video festgehalten. 

Die Analyse der gefürten Expert*inneninterviews und der biographischen Erzählungen, sowie von Archivmaterial lässt auf folgende Antwort schließen. Die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen 1972 hat zu mehr körperlicher Selbstbestimmung geführt, Frauen* konnten mehrheitlich eigenständig reproduktive Entscheidungen treffen. Der i.d.R. unkomplizierte Zugang zu hormoneller Verhütung sowie zu Schwangerschaftsabbrüchen ermöglichte es den Menschen in der DDR, ungewollte Schwangerschaften vorzubeugen oder sie abzubrechen. Gleichzeitig passierten die Entscheidungen für oder gegen einen Abbruch nicht im luftleeren Raum, sie waren eingebettet in den politischen und gesellschaftlichen Kontext der DDR. Patriarchale Machtstrukturen wirkten nach 1972 auf eine sehr ähnliche Weise wie zuvor und die Frauen* befanden sich in verschiedensten Abhängigkeitsverhältnissen, die ihre Entscheidung beeinflussten. Die Einführung des §218 in ganz Deutschland führte zu einer erneuten Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in den ostdeutschen Bundesländern. Durch die großen Umbrüche, die die Wende mit sich brachte, kamen viele große Unsicherheiten und Herausforderungen auf die Menschen zu. Diese wirkten sich auch auf reproduktive biographische Entscheidungen aus. Das Thema der Schwangerschaftsabbrüche rückte dadurch bei vielen Menschen in den Hintergrund. Retrospektiv betrachtet scheinen aber auch viele Frauen* nicht einverstanden mit der Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und würden die DDR-Regelung bevorzugen.

Unsere Forschung weitet den Blick von der reinen Betrachtung von Biographien hin zu der Frage, wie auf Basis der Biographien verstanden werden kann, wie sich das Sozialistische System der DDR auf Körper von Frauen* ausgewirkt hat. Biographische Erzählungen ermöglichen es, intime Erfahrungen von staatlicher und gesellschaftlicher Macht zu erfahren. Die Erzählungen über sehr persönliche Erfahrungen wie Schwangerschaftsabbrüche zeigen die Wirkung von politischen Maßnahmen in den scheinbar privatesten Räumen. Die Gefühle und Emotionen der Frauen* zeigen ihren Bezug zu den patriarchalen Strukturen, in denen sie sich befinden, und sind eine wertvolle Analysekategorie, um das Wirken politischer Systeme auf Körper zu verstehen.

Die Komplexität des Verhältnisses von körperlicher Selbstbestimmung und politischem System zeigt außerdem, dass das Narrativ einer feministischen DDR aus heutiger Sicht kritisch hinterfragt werden muss. Der Gedanke, dass für Frauen* früher alles besser war kann aber auch als Chance verstanden werden, versteckte patriarchale Strukturen sichtbar zu machen und sie aufzubrechen.

Weiterhin erscheint es interessant, sich mit den Grenzen des Sozialistischen Systems in Bezug auf die reproduktive Arbeit von Frauen* auseinanderzusetzen. Auffällig ist, dass die meisten Frauen* sich gegen eine erneute Schwangerschaft entschieden haben, wenn sie bereits drei oder mehr Kinder hatten. Inwiefern waren hier persönliche und inwieweit gesellschaftlich-politische Grenzen erreicht? Weiterer Forschungsbedarf ergibt sich bei Diversifizierung von Biographien. Migrantische Frauen* und Frauen* mit physischen oder psychischen Einschränkungen wurden bisher in der Forschung kaum in den Fokus gerichtet. 

Karikatur in der Jungen Welt, vom 15.07.1991 (PDS 1991)
Karikatur in der Jungen Welt, vom 15.07.1991 (PDS 1991) © Bläss, P.; Knake-Werner, H.; Neugebauer, A.; Millington-Herrmann, J. (Hrsg.) (1991): Zeitschrift Linke Liste im Bundestag. AK Feminisierung der Gesellschaft. Bonn.
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