International Lecture Series in Cultural Geography

In unserer Arbeitsgruppe Kulturgeographie erforschen wir den Zusammenhang zwischen Raum, Politik, Kultur und Gesellschaft. Als Teil der AG haben wir eine internationale Lecture Series konzipiert, von der wir uns einerseits eine Vertiefung unseres inhaltlichen Austauschs über diese Themen und andererseits eine Erweiterung unserer konzeptionellen Repertoires versprechen. Wir möchten unserer Lecture Series ein Format geben, das – über eine spannende Vortragsreihe hinaus – Studierenden, Wissenschaflter*innen und Lehrenden ein Forum schafft, um in den Austausch zu kommen und sich zu vernetzen. Wir verstehen sie als dialogisches Format, dass das Geographische Institut der Universität Bonn nicht nur mit anderen Disziplinen, sondern auch Praxispartner*innen vor Ort vernetzt.

Im Kern geht es uns um das Zusammendenken menschlicher Sicherheit und ihrer räumlichen Bezüge bei dem Fragen von Identitäten, Zugehörigkeiten und Teilhabe im Vordergrund stehen.

Die Lectures finden ein bis zweimal pro Semester statt und werden frühzeitig angekündigt.

Hier ein Überblick über unsere bisherigen Lectures:


Prof. Carolin Schurr (Universität Bern): Reproduktive Geopolitik zwischen Kinderwunsch und Bevölkerungspolitik

Nur wenige Wochen nachdem Schweizer Frauen im Juni 2019 den größten Frauenstreik des Landes organisiert hatten, verlor eine Asylbewerberin ihr Baby, weil sie keinen Zugang zu Schwangerschaftsvorsorge hatte. In Mexiko demonstrierten Frauen für ihr verfassungsmäßiges Recht auf Abtreibung, während indigene und ländliche Frauen weiterhin gezwungen sind, Verhütungsmittel zu nehmen, um keine Sozialleistungen zu verlieren. All diese jüngsten Ereignisse sind Beispiele für das, was wir "reproduktive Geopolitik" nennen.

Indem wir das reproduktive Leben mit der Geopolitik in Verbindung bringen, gehen wir davon aus, dass Reproduktionstechnologien in die Geopolitik verwickelt sind, wenn Individuen, Staaten, internationale Organisationen, transnationale Unternehmen sowie religiöse und nichtstaatliche Organisationen definieren, wessen Fortpflanzung als wünschenswert gilt und wessen Körper als wertlos gilt. Der Zugang zu Reproduktionstechnologien sagt viel darüber aus, wessen Leben in einem bestimmten Territorium welchen Wert beigemessen wird (Butler 2004; Fassin 2007, 2009). Während einige das "Ende der staatlichen Biopolitik" (Rose 2001) ausrufen und die "Geschichte der Bevölkerungskontrolle" (Connelly 2009) als Vergangenheit betrachten, zeigt dieser Vortrag am Beispiel Mexikos die Brüche, Kontinuitäten und Verstrickungen zwischen der traditionellen staatlichen Biopolitik und neuen Formen reproduktiver Geopolitik aif. Während in Mexiko in der Vergangenheit die territoriale Verwaltung der Bevölkerung explizit als Bevölkerungspolitik bezeichnet wurde, findet die Steuerung der Reproduktion in der Gegenwart eher implizit durch Regime der Gesundheitsversorgung, der Migration und der Sexualpolitik statt. Die Politik dieser Regime steuert die Bevölkerung weiterhin auf territoriale Weise, verfolgt aber offiziell keine Bevölkerungskontrolle. Das Konzept der reproduktiven Geopolitik zielt darauf ab, diese nicht wahrgenommene Bevölkerungspolitik explizit zu machen.

Lecture Series 06/07/2022

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© Mirko Winkel/mLAB Uni Bern

Eine Wissenschaftlerin und ein Wissenschaftler arbeiten hinter einer Glasfassade und mischen Chemikalien mit Großgeräten.
© CNNtraveler

Prof. Jack Gieseking (Univ. of Kentucky): Scale Jumping from the Myth of Neighborhood Liberation: When Cis-Metronormativity Meets Homonationalism

Lgbtq activists, the mainstream media, and my lesbian-queer research participants in New York City alike often present a limited, territorial geographical imagination of "lgbtq spaces."

While my lesbian-queer participants were quick to describe their central lgbtq spaces as gayborhoods, they then described how these neighborhoods failed to meet their needs while blaming themselves for these areas' demise. Unmentioned was the fact that lesbians and queers fail to attain or retain these spaces over generations-often due to lesser political and economic power. In earlier work, I argued that the "myth of neighborhood liberation" leads to generational cycles of lesbians and queers as gentrifiers and gentrified, wherein they are taken in by and reproduce mainstream homonormative narratives of (white and well-off) their lives made "better" and "legitimate" through property ownership.

But what happens when we shift scales to place the myth of queer urban salvation at the scale of the gayborhood to contrast the rural, supposedly anti-lgbtq landscape with that of the cosmopolitan and ultra "civilized" city? In this talk, I work across scales to examine the relationship between the myth of urban neighborhood liberation and the myth of the ever-unwelcoming, "backward" rural US South. Drawing on a 15-year media analysis, multi-generational interviews with lesbians and queers, and organizational records and periodicals from various LGBTQ archives, I situate the work on lesbian-queer place-making in conversation with the scholarship around homonationalism, I present the idea of cis-metronormativity. Cis-metronormativity expands on Halberstam's (2005) notion of metronormativity and Puar's (2007) concept of homonationalism to articulate the ways mainstream media, politicians, and corporations portray white, middle-class lesbians, bisexuals, queers, and trans people as cosmopolitan citizens in these spaces. Cis-metronormativity requires a regional and multiscalar study across the US to articulare the political and economic practices that assert urban cosmopolitanism and civilization, which therefore reify the racist, settler, and capitalist city.

Lecture Series 27/04/2022


Prof. Alex Jeffrey (Univ. of Cambridge): Judicial proximity: the spaces and places of war crimes trials

Where should war crimes trials take place? Should they be located as close as possible to the sites of the crimes? Does proximity equate with participation and legitimacy? Or does distance allow for objectivity and separation from the social and political contestations that shaped the violence?

Confronting these questions this talk explores how issues of space and place shape judicial outcomes and wider perceptions of justice after violent conflict Drawing in particular on research in Bosnia and Herzegovina, and emerging engagement with the case of the expulsion of the Rohingya from Myanmar, the talk will examine how a study of the legal geographies of purportedly universal jurisdiction crimes reveals the significance of geopolitics and place in the operation of international law.

Lecture Series 02/02/2022 

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© Alex Jeffrey/University of Cambridge

Eine Wissenschaftlerin und ein Wissenschaftler arbeiten hinter einer Glasfassade und mischen Chemikalien mit Großgeräten.
© Annika Mattissek/Universität Freiburg

Prof. Annika Mattissek (Universität Freiburg): Identitäten, Raumkonstruktionen und Emotionen in Debatten um Transformationen in der Landwirtschaft

Reizthemen in Verbindung mit Landwirtschaft führen derzeit zu hitzigen Debatten in der Gesellschaft: Während Demonstrationen mit dem Slogan „Wir haben es satt“ einen grundlegenden Systemwandel und eine Hinterfragung kapitalistischer Produktionslogiken fordern, ziehen Landwirt:innen unter dem Motto „Land schafft Verbindung“ in großen Treckerverbänden in Städte, um für mehr Anerkennung und weniger rechtliche Vorgaben zu demonstrieren.

Die hier zu Tage tretenden Konflikte und Debatten zeigen, dass Landwirtschaft untrennbar mit einigen der größten derzeitigen Herausforderungen im Kontext des globalen Wandels verknüpft ist, wie Klimawandel, Ernährungssicherung und Naturschutz. Gleichzeitig stehen landwirtschaftliche Praktiken im Spannungsfeld unterschiedlicher, oft widerstreitender politischer Zielvorstellungen, Strukturen und gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse auf unterschiedlichen Maßstabsebenen.

Während die öffentliche Debatte um Landwirtschaft durch eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Perspektiven geprägt ist, ist ein zentraler Kritikpunkt von Seiten der Landwirt:innen in den genannten Aushandlungsprozessen, dass ihre eigenen Sichtweisen, inklusive ihrer Wahrnehmung der vielfältigen strukturellen Rahmenbedingungen und Druckfaktoren, wenig gehört werden. Sie bemängeln zudem, dass das Ansehen von Landwirtschaft in der Gesellschaft zu Unrecht gelitten habe. Vor diesem Hintergrund nähert sich der Vortrag Argumentationen, Identitätsproduktionen und Wahrnehmungen landwirtschaftlicher Strukturen und Transformationen aus der Perspektive von Landwirt:innen. Dazu werden Dokumente und einschlägige Veröffentlichungen wie „agrar heute“ herangezogen, die durch qualitative Interviews ergänzt werden.

Lecture Series 15/12/2021 


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