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Aktion Kleidertausch statt Einkaufsrausch

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Studentisch organisierter Kleidertausch feiert Premiere am Büdchen

Kleider in verschiedenen Größen, Farben und Schnitten hängen neben dem Büdchen an einer Kleiderstange, vor dem Fenster liegen auf einem Biertisch viele T-Shirts, Tops und Blusen, dazwischen scheint die Herbstsonne auf eine große Weltkarte. Im Innenbereich des Büdchens liegt bei entspannter Musik eine Kollektion an Damen- und Herrenschuhen zur Anprobe bereit. Der Duft von frischen Waffeln umgibt die ganze Szenerie. „HEUTE KLEIDERTAUSCH“ heißt es am Nachmittag des 26.10.1016 am Büdchen des Geografischen Instituts. Eine kleine Gruppe von Masterstudierenden nutzte das Büdchen um einen öffentlichen Kleidertausch zu organisieren und möchte damit Alternativen jenseits von Konsumwahn in der Textilbranche stärken.

Jede Woche eine neue Kollektion – bei der Unternehmensstrategie Fast Fashion wird die Produktion eines neuen Kleidungsstücks beschleunigt. Vom Entwurf bis zum Verkauf vergehen heute nur wenige Wochen, während ein klassisches Modejahr nur aus einer Herbst-/Winter- und einer Frühlings-/Sommerkollektion bestand. Die hohe Frequenz mit der neue Mode heute in die Geschäfte gebracht wird, verändert die Kriterien für den Kauf: Früher waren es Design und Qualität, was überzeugen musste, heute ist es immer mehr Neuheit und das Nacheifern von glanzvollen Prominenten. Mode ist viel mehr als „etwas zum Anziehen”. Ihre kulturelle Komponente, das, was Anziehsachen zu dem macht, was uns kleidet - zum Lifestyle und zur Identifikationsquelle – ist ein gefundenes Fressen für Markenstrategien. Material, Design und Produktionsbedingungen rücken in den Hintergrund und ein Kleidungsstück wird in Geschichten eingebettet, die das Bedürfnis entstehen lassen, das Neue mit dem Neusten ersetzen zu wollen. Auf diese Weise hat sich ein schnelllebiger, billiger Kleidungskonsum, eine unaufhörliche Produktion und ein übersättigter Markt entwickelt.

Diese Art der Produktion hängt mit katastrophalen Arbeitsbedingungen in Ländern des Globalen Südens zusammen und verschlingt Ressourcen. 

 

Ein Kleidertausch bietet eine Alternative zu diesem Einkaufsrausch, er widersetzt sich der Logik der Überproduktion in der Textilindustrie. Statt neu zu kaufen, wird getauscht was schon vorhanden ist. Bei der Aktion am 26.10. konnte jede*r Kleidung mitnehmen, auch wenn die Person nichts mitgebracht hat. Das Büdchen hat sich als wunderbarer Standort herausgestellt, um Kleider zu tauschen und sich gleichzeitig sein Konsumverhalten bewusster zu machen.

 

Das Büdchen und der Außenbereich verwandelten sich im laufe des Nachmittags zu einem gemütlichen Open-Air Umsonstladen. Statt Werbung hingen an den Wänden Poster des Seminars „Alternatives Wirtschaften“ bei Prof. Klagge vom WS 2015/16 und Infomaterial der „Clean Clothes Kampagne“. Das Cafeten-Team baute eine Zweigstelle am Büdchen auf und versorgte die Tauschenden mit Kaffee und leckeren Waffeln. An Kleiderstangen und Tischen gab es eine gute und große Auswahl an Damen- und Herrenkleidung in verschiedenen Größen: Winterjacken, Hosen, Pullover, Schuhe, Mützen, Sportbekleidung, Röcke, Kleider, T-Shirts, Blusen und sogar ein Strohhut. Mit zwei Umkleidekabinen, einem Spiegel, zwei wunderschönen selbstgenähten Wimpelketten aus Kleidungsresten und geselligem Beisammensein ist das Büdchen zu einem angenehmen, individuellen Modegeschäft geworden – nur die Kasse fehlte.

 

Der Büdchen-Kleidertausch toppte jede Fast Fashion Unternehmensstrategie und brachte es auf mehrere Kollektionen in nur ein paar Stunden: Im Laufe des Nachmittags kam immer wieder neue Mode mit eigener Geschichte hinzu und fand AbnehmerInnen. Manch Eine*r entdeckte ein Kleidungsstück wieder, dass sie/er bei einem früheren Kleidertausch weitergegeben hatte. Besonders schön war es, ein geliebtes Kleidungsstück weiter zu empfehlen und zu wissen, dass jemand anderes sich darüber freut. Wer genug vom Stöbern hatte, konnte auf einer Weltkarte sichtbar machen, wo die Kleidungsstücke produziert worden sind, die sie/er mitgenommen hat. Außerdem gab es eine Upcycling Ideensammlung und ein interaktives Diagramm auf dem jetzt zu sehen ist, dass einige sehr viel mitgebracht und wenig mitgenommen haben und andere mehr mitgenommen als mitgebracht haben. Besonders erfreulich war „Laufkundschaft“, die spontan vorbei kam und sich vom Tauschrausch anstecken ließ. Letztendlich wurden abends einige Umzugskartons voll mit übriggebliebenen brauchbaren Kleidungsstücken sortiert und mit dem Lastenfahrradanhänger „Bolle“ am nächsten Tag zur AWO in Bonn-Beuel gebracht.

 

Der erste Kleidertausch am Büdchen fand viel positive Resonanz, schuf Raum für fröhliches Beisammensein und setzte Studieninhalte konkret in die Tat um. Das Büdchen freut sich auf eine Nachfolgeaktion im Sommer!

 

 

 

Bericht: Vera Hellwig

 

Fotos: Johanna Götz

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