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Datum: 22.05.2017

Politische Ökologien der Kohle – Studierende starten Forschungsprojekte im Rheinischen Braunkohlerevier

Ende 2016 fordert der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem Sondergutachten, dass die G20, unter ihnen die Bundesrepublik Deutschland, „die Große Transformation zur Nachhaltigkeit“ vollziehen müssten, unter anderem durch „die vollständige Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bis spätestens 2070“. Diese sei nur durch „einen tiefgreifenden Wandel der Energiesysteme und anderer emissionsintensiver Infrastrukturen umsetzbar“. Nahezu zeitgleich hat im von RWE betriebenen Tagebau Hambach im Rheinischen Braukohlerevier die jährliche Rodungssaison begonnen. Die verbleibende Areale des Hambacher Forstes sollen Platz schaffen für die zukünftige Betriebsfläche des bis 2040 genehmigten Tagebaus.

Das Rheinische Braunkohlerevier ist nicht nur der Ausdruck inhärenter Widersprüche nationaler Klima- und Energiepolitik, sondern im Sinne der Politischen Ökologie auch das „Schlachtfeld divergierender Interessen“. Unter Leitung von Dr. Florian Weisser und Dr. Nadine Reis untersuchen die Master-Studierenden über den Zeitraum des gesamten Sommersemesters 2017 die Politischen Ökologien der Kohle am Beispiel des Tagebaus Hambach. Unter anderem beschäftigen sie sich mit den Lebenswelten von Umweltaktivisten, die den verbleibenden Forst verteidigen und damit nicht nur ein Zeichen gegen die Kohleförderung setzen wollen, sondern sich in erster Linie als Kapitalismuskritiker verstehen; mit der von der Umsiedlung betroffenen Bevölkerung, die nun in Neu-Morschenich oder Neu-Manheim eine neue Heimat finden muss; mit den Bürgerinitiativen angrenzender Gemeinden, die ihre Lebensqualität vom Tagebau beeinträchtigt sehen; mit der von RWE finanzierten Rekultivierung, die die Eingriffe in Landschaft und Ökosysteme im Nachgang der Auskohlung beseitigen soll; mit dem Konzern RWE, der durch geschickte Lobby- und PR-Arbeit die Interessen seiner Shareholder vertritt; und mit den vielfältigen politischen Hintergründen im Spannungsfeld des Wirtschaftsstandorts Nordrhein-Westfalen, Klimapolitik und Kohleabbau.

Kohle1Zum Auftakt des Seminars waren die Studierenden auf einer eintägigen Exkursion im Rheinischen Braunkohlerevier, die in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Rekultivierung von RWE organisiert wurde. Im Gespräch mit dem RWE Revierförster ging es zunächst um die Rodungen an der Tagebaukante und den damit verbundenen Widerstand. Nach einer Diskussion der Energiewende und der Rolle RWEs darin, war am Forum terra Nova mit Blick auf den Tagebau die Rekultivierung der Sophienhöhe Ausgangspunkt der Frage, was eigentlich unter Natur zu verstehen sei. Den Abschluss bildete der Themenbereich Umsiedlung, im Rahmen dessen an den Standorten Immerath und Immerath (neu) der aufwändige und konfliktreiche Prozess der vollständigen Verlagerung einer Ortschaft nachvollzogen werden konnte.
 


Text: Nadine Reis & Florian Weisser
Foto: K. Krings

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