Preisverleihung an Dr. Patrick Sakdapolrak
Belohnung harter Arbeit
Der "KfW-Förderpreis für exzellente
praxisrelevante Entwicklungsforschung" wurde in seinem zweiten Jahr auch
an einen Wissenschaftler der Universität Bonn verliehen. Die Auszeichnung
honoriert Forschungsarbeiten, die vorbildlich dazu beitragen, die Wissenschaft
und entwickungspolitische Praxis zu verbinden. Die Nachwuchspreise des KfW-
Förderpreises gingen an Krisztina Kis-Katos (Universität Freiburg), Patrick
Sakdapolrak (Universität Bonn) sowie James Rao (Universität Göttingen, ILRI). Dr. Patrick
Sakdapolrak, preisgekrönte Doktorarbeit beschäftigt sich mit dem Thema "Orte
und Räume der Health Vulnerability. Bourdieus Theorie der Praxis für die
Analyse von Krankheit
und Gesundheit in megaurbanen Slums von Chennai, Südindien".
Zusammenfassung der Doktorarbeit
Indien, einer der Kernräume der weltweiten
Megapolisierung, ist konfrontiert mit wachsender urbaner Armut und einer
steigenden Krankheitslast für die städtische Armutsbevölkerung. Wie Schlüsselindikatoren
der Gesundheit aus dem indischen National Family Health Survey (2005-06)
zeigen, ist der Gesundheitszustand urbaner Armutsgruppen nicht nur schlechter
im Vergleich mit dem der Stadtbevölkerung insgesamt, sondern zum Teil auch
verglichen zu dem der Bevölkerung ländlicher Regionen. Eingebettet in diesen
Kontext erörtert die vorliegende Arbeit anhand einer empirischen Slumstudie
aus der südindischen Megastadt Chennai die Problemlage der health vulnerability.
Das übergreifende Ziel der Forschungsarbeit ist die Analyse der health vulnerability der in Slums lebenden urbanen Armutsgruppen. Im Fokus steht das Handeln der Verwundbaren im Kontext von Gesundheitsrisiken und Krankheitsbelastungen. Die Arbeit verfolgt dabei eine theoretisch reflektierte und akteurszentrierte Verwundbarkeitsanalyse. Diese wird konzeptionell durch die Verknüpfung des Livelihood-Ansatzes mit dem Ansatz der Politischen Ökologie und dem der Verfügungsrechte realisiert. Mit der Hinzuziehung von Bourdieus Theorie der Praxis wird der Analyse eine integrierende sozialtheoretische Basis gegeben. Die Studie basiert auf Primärdaten, die in drei Slums während mehrerer Feldforschungskampagnen zwischen den Jahren 2005 und 2010 mit Hilfe qualitativer (u. a. episodische Interviews, PRA/PUA) und quantitativer (Panel Survey mit 219 Haushalten) Verfahren erhoben wurden. Die praxeologisch fundierte Analyse der health vulnerability der Bevölkerung megaurbaner Slums wird in einer sozial-räumlichen Perspektive umgesetzt und mündet in der Betrachtung dreier miteinander verflochtener Räume der health vulnerability:
In einem ersten Schritt betrachtet die Studie den angeeigneten physischen Raum und geht von einer ortsbasierten Analyse der health vulnerability aus. Die Besiedlung des Slums wird als Prozess der Raumaneignung beschrieben, der mit Profiten und Kosten verbunden ist. Die subalterne Position des Slums und der dort lebenden Menschen im relational-sozialen Stadtraum drückt sich in der Differenz der Charakteristiken ihrer Bewohner sowie der dort verorteten Güter und Dienstleistungen im Vergleich zu anderen Teilen der Megastadt aus. Die Studie zeigt, dass sich aus dieser subalternen Position eine höhere gesundheitsbezogene Verwundbarkeit ergibt. Das Leben in Unsicherheit drückt sich sowohl in der alltäglichen Nahrungsunsicherheit der Slumbewohner als auch in ihrer Vertreibung aus, wie anhand von Fallbeispielen dargelegt wird.
In einem zweiten Schritt betrachtet die Arbeit den Raum
der Perspektiven und den subalternen Habitus von Gesundheit. Im Fokus stehen
die gesundheitsbezogenen Praktiken und Sichtweisen der in Bezug auf Gesundheit
besonders verwundbaren Frauen. Verschiedene Typen von subjektiven Gesundheitskonzeptionen
sowie Laientheorien von Gesundheit werden identifiziert. Diese Konzepte und
Theorien, wie z. B. die Vorstellung über den Zusammengang von Gesundheit und Nahrung, bilden eine wichtige Basis für das Verständnis der Handlungsrationalitäten
der Menschen. Gesundheitsbezogene Praktiken, die zum einen auf die
Befriedigung der Grundbedürfnisse, zum anderen auf die Herstellung von Sauberkeit
abzielen, werden in das Spannungsfeld von subjektiven Logiken und strukturellen
Zwängen eingebettet. Es zeigt sich, dass die Slumbewohnerinnen bei der Ausführung
dieser Praktiken in Aushandlungsprozesse eingebunden sind, in denen staatliche
Akteure eine wichtige Rolle spielen.
Zuletzt richtet sich das Interesse der Untersuchung auf den Raum der Positionen und die kapitalbedingten Möglichkeiten und Zwänge der Krankheitsbewältigung. Dieser Teil der Analyse beginnt mit einer Abschätzung der Krankheitslast, deren methodische Umsetzung kritisch erörtert wird. Die von den Slumbewohnern verfolgten Strategien der Krankheitsbewältigung wird analytisch in einzelne Entscheidungsschritte aufgeteilt. Der Einfluss der Kapitalausstattung auf die einzelnen Entscheidungen wird auf Individuen- und Haushaltsebene beurteilt. Es wird aufgezeigt, wie bestimmte Faktoren, wie zum Beispiel Vertrauen, als verfügungsrechtliche Barrieren wirken und dazu führen können, dass Armutsgruppen trotz der räumlichen Nähe zu kostenloser öffentlicher Gesundheitsversorgung kostenpflichtige private Einrichtungen bevorzugen. Schließlich werden die direkten und indirekten Kosten von Krankheit ermittelt und analysiert, wie die Haushalte diese bewältigen. Das Ergebnis zeigt, dass schlechter gestellte Haushalte, die eine als „katastrophal“ zu beurteilende Kostenlast zu tragen haben, infolgedessen nicht nur gezwungen sind Einschnitte bei der Befriedigung anderer grundlegender Bedürfnisse in Kauf nehmen, sondern auch auf externe finanzielle Ressourcen, wie Kredite von Geldverleihern, angewiesen sind, um ihre Gesundheitsversorgung zu bestreiten.
Die Arbeit schließt mit einer Bewertung der konzeptionell-theoretischen Implikationen und der daraus abgeleiteten zukünftigen Forschungsagenda.
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